Der Ärztestreik an den Universitätskliniken

Eine persönliche Sicht und offener Brief an die Besucher von Paediatrie-Links (entstanden zur Zeit der Ärztestreiks 2006, wird nicht mehr aktualisiert, bleibt aber sozusagen als historisches Dokument online)

 

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Liebe Besucher von Paediatrie-Links,

manch einem mag es als Tabubruch erscheinen, anderen als Sensation. Ab dem 16.3.2006 treten die Ärzte an den deutschen Universitätskliniken in einen unbefristeten Streik. Dank einer Befürworter-Quote von 98,4% der Mitglieder des Marburger Bundes, also der Interessenvertretung der Klinikärzte und dem aktuellen Verhandlungspartner für die Ärzteschaft in den Tarifverhandlungen, beginnt morgen mit einer Demonstration in Mainz und Streiks an den Unis in Bonn und Essen der Protest der Klinikärzte gegen die zunehmend katastrophalen Arbeitsbedingungen an deutschen Unikliniken.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass viele komplexe Zusammenhänge aus Politik und Gesellschaft am leichtesten zu vermitteln sind, wenn man plastische Einzelfälle schildert. Ich werde deshalb die Öffentlichkeit dieser Webseite nutzen, zu beschreiben, warum ich persönlich der Meinung bin, dass es richtig ist, dass sich endlich vehementer Widerstand regt in der Klinik-Ärzteschaft.

Wichtigster Streitpunkt, der oft schwer zu vermitteln ist:

 Klinikärzte wollen 30% "mehr" Lohn

Es ist wichtig sich die Zusammensetzung dieser 30% anzuschauen, um diese vermeintlich übergeschnappte Forderung nachvollziehen zu können.

Mein Fall:
1989-1996 Studium der Medizin. 3.Staatsexamen 1996. 1996-1997 unentgeltliche wissenschaftliche Tätigkeit zur Erlangung des Doktortitels. Mehrere zeit-und kostenaufwendige Studienaufenthalte in Afrika und Südamerika.
1998 Beginn des Arzt im Praktikum (glücklicherweise 2004 abgeschafft), Gehalt durchschnittlich etwa 1500-1800 DM im Monat mit einem Kind.
2000-2003 Assistenzarzt an einer städtischen Kinderklinik. Durchschnittliches Gehalt am Ende ca. 2500-2700 Euro netto mit 2 Kindern. Dieses Gehalt wurde insbesondere durch 5-6 24-Stunden-Dienste pro Monat und mindestens 2, oft 3 Wochenenddiensten im Monat hart erkämpft. Serien von 8 Wochenenden, an denen in Folge gearbeitet wurde, kamen vor.

Während dieser Zeit arbeitete ich über 1 1/2 Jahr auf "halber Stelle". Selbstverständlich ging ich erst nach Hause, wenn die Station erledigt war. Zudem war die Zahl der 24-Stunden und Wochenenddienste die selbe wie auf voller Stelle. Dies brachte eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 40 Stunden mit sich. Auf HALBER Stelle! Dass hier keine Überstunden vergütet wurden, versteht sich von selbst.

2003-2004: 14 Monate Assistenzarzt am Kinderspital in Zürich/Schweiz. Monatsgehalt von netto 7000 Schweizer Franken ohne (!) Bereitschaftsdienste. Jeden Morgen fand eine Fortbildungsveranstaltung für Assistenzärzte statt, 3 x pro Woche mindestens noch eine Vorlesung durch Experten verschiedener Spezialitäten. Es bestand eine intensive Supervision durch Ober- und Chefärzte.

Seit 2004: Assistenzarzt an einer Universitätskinderklinik in Deutschland. Inzwischen Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und weitreichendes Spezialwissen auf dem Gebiet der Kinderneurologie.
Aktuelles Gehalt: 2000 Euro netto, 2 Kinder.

Moment mal, das ist ja weniger geworden?!

Wie kommt dieser Gehaltsschwund trotz zunehmender Qualifikation und zunehmenden Anforderungen an die klinische Arbeit (Universitätsklinik versus städtische Klinik 1998-2003) zustande.
1) Abschaffung der 24-Stunden-Dienste und Einführung von einem Modell, dass maximal 16-Stunden-Dienste erlaubt. Diese 16 Stunden werden komplett durch Freizeit ausgeglichen. Das bedeutet, die Mehreinnahmen von gut 500-600 Euro netto durch 24-Stunden-Dienste fallen komplett weg.
2) Das Urlaubsgeld wurde gestrichen.
3) Das Weihnachtsgeld auf ca. 60% gekürzt.
4) Parallel wurde die Wochenarbeitszeit auf 41 Stunden erhöht.

Zusätzlich ist die Zahl der Überstunden an Universitätskliniken in Deutschland traditionell dramatisch hoch. Neben der Tätigkeit als Arzt auf Station und in Ambulanzen wird von den Ärzten verlangt, dass sie sich aktiv in Forschung und Lehre engagieren. Freiräume hierfür werden praktisch nicht oder minimal zu Verfügung gestellt. Das bedeutet, der nahezu komplette Aufwand für Forschung und Vorbereitung der Lehre wird für die überwiegende Mehrheit der ärztlichen Uni-Angestellten in der Freizeit erledigt.

Meine aktuelle Wochenarbeitszeit inklusive Schreiben von Arztbriefen, Forschungsaufwand, Vorbereitung von Lehrtätigkeiten und Kongressen beträgt ca. 70 Wochenstunden.

Nochmal im Klartext. Als Vater von 2 Kindern, 37 Jahre alt, verdiene ich mit fast 9 Jahren Berufserfahrung als Facharzt für eine Wochenarbeitszeit von ca. 70 Stunden 2000 Euro netto. Allen Statistiken zum Trotz. Ich kenne keinen Akademiker im meinem Bekannten- und Freundeskreis, der in einem ähnlichen familiären und beruflichen Stadium weniger Geld verdient.
Rechnet man die Einschnitte der letzten Jahre sowie die fehlende Gehaltssteigerung trotz erheblicher Zusatzqualifikation und Verantwortung hoch, erscheint mir persönlich die Zahl 30% mehr Lohn keineswegs mehr abwegig. Dass dies nicht in identischer Weise auf jeden Klinikarzt übertragen werden kann, ist jedem, auch dem Marburger Bund, klar. Dass ich aber keineswegs ein dramatischer Einzelfall bin, belegen eindrucksvoll Statistiken, die ältere Chef- und Oberärzte einmal herausrechnen.

Es ist die Perversität des gesamten Systems, dass viele Kolleginnen und Kollegen sich gegen die Abschaffung von den katastrophalen 24-Stunden-Diensten aussprachen und aussprechen, da sie auf die 500-600 Euro zusätzliche Einnahmen angewiesen sind.

Wichtig noch:
Wäre ich aktuell Oberarzt, würde, entgegen so mancher Konfabulationen von Lauterbach und Co, mein Gehalt nicht etwa für einen Porsche reichen, sondern ca. um 200 Euro netto monatlich ansteigen. Wer glaubt, dass hiermit wenigstens eine attraktivere berufliche Tätigkeit verbunden ist, der liegt weit daneben. Oberärzte bewegen sich oft noch deutlich mehr im rechtsfreien Raum. Die Zahl der Überstunden übersteigt oft deutlich das Niveau der Assistenten, bedingt durch eine Vielzahl von administrativen Aufgaben. Im Rahmen von sogenannten Hintergrunddiensten verbringen sie oft stundenlang nachts in der Klinik, um am nächsten Morgen wieder normal weiterzuarbeiten. Zusätzlich führt die Mangelbesetzung auf vielen Stationen und Ambulanzen dazu, dass auch hochkarätige Oberärzte einspringen müssen bei routinemäßigen Tätigkeiten eines Stationsarztes oder Ambulanzarztes. So beteiligen sich in vielen mir bekannten Universitätskliniken selbst Oberärzte, die durch viele Jahre wissenschaftlicher Arbeit, zumeist in Ihrer Freizeit neben der klinischen Tätigkeit, die Habilitation erreicht haben und Privatdozenten sind, an 24-Stunden-Diensten. Hier werden Spitzenkräfte verheizt!

Ebenso dürfen Sie die Mär vom stinkreichen Chefarzt in diesem Zusammenhang gerne mal vergessen. Schönen Gruß auch hier an Herrn Lauterbach. Es muss zu Kenntnis genommen werden, dass ein drastischer Generationswechsel stattgefunden hat. Die Chefarztverträge der letzten ca. 3-5 Jahre sehen besonders im Fach Kinderheilkunde keine Stargehälter mehr vor. Dies gilt durchaus auch für Chefärzte an Universitätskliniken! Die Arbeitszeiten bewegen sich dabei deutlich Richtung 100 h pro Woche. Von der Verantwortung, die ein Leiter einer kompletten Klinik sowohl gesundheitlich für Patienten, als auch zunehmend finanziell trägt ist dabei noch gar nicht die Rede.

Jedem kann ich zu diesem Thema auch einen Artikel aus der aktuellen Ausgabe der "Zeit" (23.3.2006) empfehlen, der das Thema des Generationswechsels exakt analysiert.

Es geht nicht nur ums Geld

Es ist falsch, die Forderungen der Ärzte auf Geld zu reduzieren. Das Tätigkeitsfeld des Arztes in der Klinik hat einen dramatischen Wandel in den letzten 15 Jahren erfahren. Dieser Wandel bedingt zu einem erheblichen Anteil die zunehmende Ernüchterung von jungen Ärztinnen und Ärzten, die ganz überwiegend hoch-motiviert ins Berufsleben eintreten, dann aber frühzeitig Fluchtgedanken haben.
Was sind die Probleme:

ARBEITSVERDICHTUNG: Diese ist in der Tat in den letzten Jahren dramatisch gewesen.
Gründe:
1) Schreibtischtätigkeiten: Bedingt durch eine zunehmende Verpflichtung zur Dokumentation und Verschlüsselung von Patienten-Krankendaten nach Einführung des sog. DRG-Systems (diagnosis related groups; Fallpauschalen), dem oft selbständigen Schreiben von Arztbriefen am Computer, Bearbeitung von fast exponentiell zunehmenden Anfragen von Krankenkassen, u.v.m., verbringen Ärzte bis zu 40% Ihrer Arbeitszeit am Schreibtisch und nicht am Patientenbett. Dafür sind wir nicht Ärzte geworden!
2) Die Sparzwänge der letzten Jahre haben auch zu einer kontinuierlichen Arbeitsverdichtung im Bereich der Krankenpflege geführt. Dies hatte in bestimmten Bereichen zur Folge, dass Tätigkeiten, die früher von der Pflege übernommen wurden, langsam aber merklich zu ärztlichen Tätigkeiten wurden/werden. Beispiele sind die Vorbereitung und Durchführung von Blutentnahmen, Anhängen von Infusionen, verschiedene Schreibtätigkeiten, etc., etc.. In für Ärzte attraktiven Ländern wie etwa der Schweiz ist eine exakt gegensinnige Entwicklung zu sehen. Hier übernimmt die Pflege mit hoher Motivation viele Tätigkeiten, die hier als klassisch ärztlich eingestuft werden.
3) Die Liegezeit, d.h. die Dauer der stationären Aufenthalte der Patienten, hat in den letzten 15 Jahren rapide abgenommen. Dies gilt ganz besonders für die Kinderheilkunde. In vielen Kinderkliniken ist ein Schnitt von ca. 3 Tagen erreicht worden. Was zunächst nach einer Erleichterung klingt ist exakt das Gegenteil. Die zeitaufwendigsten Tätigkeiten betreffen den Aufnahme- und Entlassungstag: Aufnahmeuntersuchungen und Befragungen mit entsprechender Dokumentation; Entlassungsuntersuchungen, Entlassungsgespräche (die Kinderheilkunde ist traditionell eine sehr gesprächsintensives Fach), Entlassungsbriefe. Mit einer Abnahme der Liegezeit bei gleichzeitig weiterhin voll belegter Station ist also eine massive Verdichtung der Arbeit verbunden. Auf einer 25 Betten-Station in der Kinderheilkunde sind bis zu 10 Entlassungen und 5 Neuaufnahmen pro Tag keine Seltenheit.
4) Die Gesamtzahl der Krankenhausbetten sinkt in den letzten Jahren politisch gewollt kontinuierlich. Die Zahl der Patienten sinkt aber nicht in gleicher Weise. Folglich müssen relative weniger Ärzte die gleiche Zahl von Patienten versorgen.
5) Aufgrund der ökonomischen Zwänge werden immer mehr komplexe Untersuchungen in immer kürzerer Zeit durchgeführt. Dies erhöht besonders an Uni-Kliniken auch die Komplexizität der Arztbriefe erheblich.
6) Wegen europäischer Rechtsprechung führen aktuell viele Uni-Kliniken neue Dienstmodelle ein, die zum Ziel haben 24-Stunden-Dienste komplett abzuschaffen. Diese sehr lobenswerte Bestrebung wird nun wegen leerer Kassen meist personalneutral, d.h. ohne Einstellung neuer Ärzte, durchgesetzt. Da die Modell alle zu einem Mehr an Freizeitausgleich führen, bedeutet dies, dass die Stationen im Vergleich zu früher mit weniger ärztlichem Personal versorgt sind. Dies sieht in vielen Kliniken inzwischen so aus, dass nur noch ein Assistenzarzt die Arbeit von früher 2 Ärzten übernehmen muss.
7) Die Gesamtsituation wird noch zusätzlich dadurch verschärft, dass praktisch alle deutschen Uni-Kliniken einen mehr oder weniger großen Schuldenberg ertragen müssen. Da der "einfachste" Weg Geld zu sparen immer noch durch Einsparungen im Personalbereich geht, ist es nicht weiter verwunderlich, dass in vielen Uni-Kliniken auslaufende Arzt-Verträge nicht oder mit Verzögerung von einigen Monaten neu besetzt werden. Hierzu muss man wissen, dass Assistenzarzt-Verträge praktisch immer befristet sind. Das übliche Spektrum bewegt sich zwischen 3 Monaten (!!!) und 2 Jahren (so etwa bei mir). Die Möglichkeit der Krankenhausverwaltungen hier Geld zu sparen ist schier grenzenlos, die Mehrarbeit für die Übriggebliebenen ebenfalls.

Natürlich wird trotz aller genannten Faktoren, die eine massive Mehrbelastung der Ärzte mit sich bringen, weiterhin stillschweigend vorausgesetzt, dass man sich in Wissenschaft und Forschung einsetzt. Nicht, dass dies den meisten Kollegen an der Uni nicht sogar Spaß macht, oder besser, machen würde. Es stellt sich nun aber doch zunehmend die Frage, wann man das eigentlich noch gewährleisten soll.

Ökonomisierung der Medizin

Ein ganz erheblicher Frust der letzten Jahre ist direkt mit der zunehmenden Orientierung von Klinikgestaltungen nach ökonomischen Gesichtspunkten verbunden. Dies gilt in besonderer Weise für sogenannte konservative Fächer, also denen, in denen nicht operiert wird. Es ist eine traurige Realität, dass mit der Kinderheilkunde im Jahre 2006 kaum Geld zu verdienen ist. Nach Angaben von mehreren Klinikchefs verschiedener Universitätskinderkliniken arbeiten praktisch alle Ambulanzen für Kinder in Deutschland defizitär. Im stationären Bereich sieht es noch nicht ganz so dramatisch aus, aber die Verdienstmöglichkeiten für Unikliniken sind auch hier sehr bescheiden. Das bedeutet im Klartext, dass in der Haushaltsplanung Kinderkliniken für die Einnahmeseite oft völlig uninteressant sind. In der täglichen Tätigkeit an einer Kinderklinik macht sich dies vor allem dadurch bemerkbar, dass es einen rasant zunehmenden Bedarf an ambulanten Leistungen für Kinder und Jugendliche gibt, diese Leistungen aber nur sehr eingeschränkt oder gar nicht mehr angeboten werden können, da sie sich nicht rentieren. Die Frage der Qualität der Versorgung spielt in der Logik von Verwaltungen eine sehr untergeordnete Rolle, wie sich bei Verhandlungen um Stellenschaffungen oder auch nur Verlängerungen immer wieder zeigt. Hier liegt die Hauptverantwortung in der Politik, die solche Ungleichbehandlungen von unterschiedlichen Fachdisziplinen in der Medizin zugelassen hat.

Zweiklassenmedizin

Auch wenn die Situation in der Kinderheilkunde diesbezüglich noch nicht so weit ist, wie in der Erwachsenenmedizin, in der die Zweiklassenmedizin längst eine Realität ist. Auch in der Kinderheilkunde findet zunehmend unter wirtschaftlichem Druck eine Selektion von Patienten statt, weniger orientiert an privat oder gesetzlich versichert. Nein, eine Selektion nach Krankheitsbild. Es gibt eine Vielzahl von Krankheitsbildern, viele von diesen aufgrund der Komplexizität fast ausschließlich an Unikliniken betreut, die vorhersehbar finanzielle Defizite erbringen, da das DRG-System eine Pauschale vorsieht, die die Kosten nicht annähernd decken kann. Dies sehe ich als ernsthaft Gefahr für die Zukunft an.
Kürzlich wurde in einer Talkshow mit Günther Jauch ein dramatischer Fall geschildert. Ein durch einen Unfall polytraumatisierter erwachsener Patient musste von einem kommunalen Krankenhaus in eine Uniklinik verlegt werden. 9 von 10 Unikliniken lehnten die Übernahme des Patienten ab. Die weiteren Recherchen ergaben, dass ein Polytraumapatient Kosten verursacht, die die Einnahmen nach DRG-Pauschale um > 50000 Euro (!) überschreiten können. Dass diese Patienten in Kliniken nicht mehr selbstverständlich übernommen werden, ist eine Katastrophe und liegt ganz primär in der Verantwortung der Politik.

Qualität der Patientenversorgung

Es ist eine logische Konsequenz, dass mit der zunehmenden Arbeitsverdichtung die Qualität der Patientenversorgung nicht endlos weiter aufrechterhalten kann.
Dass 24-Stunden-Dienste nicht gesund für Patienten und Arzt sind, ist durch eine Vielzahl von hochrangigen wissenschaftlichen Arbeiten hinlänglich belegt (Beispiel). So entspricht z.B. die Leistungsfähigkeit eines Arztes nach einem 24 Stunden Dienst einer Person mit 1 0/00, er dürfte also streng genommen kein Auto mehr fahren. Zum Operieren reicht es eben dann doch regelmäßig immer noch in diesem Lande. Durchaus auch an renommierten Kliniken wie der Charite, wie vor einigen Monaten eindrucksvoll in einem Bericht der "Zeit" zu lesen war.
Wenn immer weniger Ärzte immer mehr Arbeit aufgehalst bekommen, diese Arbeit zunehmend Patienten-fern stattfindet, wird dies die Patientenversorgung nachhaltig belasten. Es beginnt mit dem einfachen Faktum, dass man heute kaum noch mehr als 7-10 Minuten/Tag persönlichen Kontakt zu einem Patienten auf Station hat. Etwa die Quote, die inzwischen in Arztpraxen normal geworden sind. Hier ist weder eine kompetente körperliche Untersuchung, noch ein für Eltern, Patient oder Arzt befriedigendes Gespräch möglich. Deutlich sichtbar ist zudem, dass die Zeitdauer bis niedergelassene Kollegen einen Bericht eines stationären Aufenthaltes erhalten in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Dies ist ein wesentliches Qualitätskriterium in der Zusammenarbeit zwischen Arzt in Klinik und Praxis. Bei einem Anfall von mehr als 100 Arztbriefen pro Monat und Station ist eine zeitnahe Berichterstattung unter den heutigen Verhältnissen aber praktisch Einzelfällen vorbehalten. Trotz der Kenntnis dieser Missstände gelingt es den meisten Kliniken nicht Abhilfe zu schaffen, weil jegliche Vorhaben die Qualität zu verbessern letztlich am Personalmangel scheitern müssen.
Irrerweise führen die Missstände in zunehmendem Masse auch dazu, dass selbst international bekannte Spezialisten in Routinearbeiten ersticken, die notwendig werden, um einen reibungslosen Ablauf der Kliniken überhaupt noch zu gewährleisten. Hier wird die geistige Ressource Arzt/Ärztin sträflich verschwendet.

Ausbildung von Studenten und Assistenzärzten an deutschen Uni-Kliniken

Ein wesentlicher Faktor, der die Patientenversorgung auf hohem Niveau gewährleistet, ist die Aus- und Fortbildung von Ärzten. Aber leider: Es kann kein Zweifel mehr bestehen, verglichen mit dem Standard der Ausbildung von Medizinstudenten und Assistenzärzten in Ländern wie UK, Irland, USA, Holland, Schweiz, ..., sieht Deutschland zunehmend ganz alt aus. Ein strukturiertes Anlernen von Berufseinsteigern, regelmäßige interne Fortbildungsveranstaltungen, enge Supervision durch erfahrene Kollegen sind in fast allen Klinikbereichen insbesondere an den Universitätskliniken komplette Fehlanzeige. Dies ist umso erschreckender, als dass Patienten besonders dort eine besonders hohe Qualität der Versorgung erwarten, vollkommen zu Recht sollte man denken. Aber, wer soll angesichts von zunehmender Personalknappheit heute noch eine koordinierte Ausbildung gewährleisten?

In diesem Bereich findet sich noch ein ganz anderer Frustfaktor:

Die Facharztausbildung. Die übliche Ausbildungszeit zum Facharzt bewegt sich zwischen 5 und 6 Jahren. In dieser Zeit sollten Ärzte durch gut strukturierte und supervidierte Rotationen Erfahrungen in allen Subspezialitäten des Fachbereichs gemacht haben und ein umfassendes Bild aller Facetten der gewählten Disziplin erhalten haben. Dies sollte durch die Dokumentation eines vorgegebenen Ausbildungskataloges überprüft werden. Mit der Erfüllung dieses Kataloges wäre dann die Facharztreife erworben.
Die Realität sieht aber völlig anders aus. Eine strukturierte Rotation, die gewährleistet, dass das komplette Spektrum einer Fachdisziplin wie z.B. der Kinderheilkunde erlernt werden kann, existiert in den meisten Kliniken nur auf dem Papier in Form von Rotationsplänen. Besonders an Unikliniken kommt es allerdings regelmäßig vor, dass die Pläne aus Personalmangel über den Haufen geworden werden und Ausbildungsassistenten z.T. für Jahre in einem Spezialgebiet "festsitzen". Die Möglichkeit einer umfassenden Ausbildung besteht so nicht mehr. Hier werden unter dem Druck der täglichen Routine Fachidioten herangezüchtet.

Gesetze

Klinik-Ärzte haben de facto über Jahrzehnte in einem rechtsfreien Raum gelebt. 36-Stunden-Dienst und mehr waren früher die Regel. Unzählige, meist unbezahlte Überstunden sind eine lange Klinik-Tradition. Über lange Jahre wurden Ärzte aber durch ein recht anständiges Gehalt ruhiggestellt. Anders ist nicht nachzuvollziehen, dass sich über so lange Zeit nichts geändert hat an den Arbeitsbedingungen, die schon früher gegen geltendes Recht verstossen haben.
Heute ist jedoch eine neue Dimension erreicht. Einerseits haben die Gesetze sich durch die Rechtsprechung des EuGH deutlich verschärft. Die Vorgaben sind so streng, dass man sich fragt, woher man wohl das Personal zur Erfüllung selbiger bekommen soll. So liegt die zulässige Wochenarbeitszeit im Maximum bei 48 Stunden, ein Pensum, das praktisch immer überschritten wird. 24-Stunden-Dienste sind nicht mehr zulässig, aber eben noch weit verbreitete Routine an deutschen Kliniken, was wir auch der Verzögerungsstrategie unserer aktuellen Regierung verdanken, die erreicht hat, dass eine Übergangsfrist statt am 1.1.2005 erst am 1.1.2006 endet. Die Motivation ist durchsichtig, Finanzierungsnöte.
Während sich Alltag und Gesetze jedoch in den letzten Jahren immer weiter voneinander entfernen, sinkt das Gehalt parallel in ungeahnten Ausmaßen. Nun ist das Maß voll!

ZUSAMMENFASSUNG

Nach dem Gesagten: Was sollte meine Familie dazu veranlassen zu akzeptieren, dass ich als zusätzlich spezialisierter Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an einer großen deutschen Universitätskinderklinik bei einer Wochenarbeitszeit von bis zu 80 Stunden mit einer Vielzahl geopferten Wochenenden, unbezahlten Überstunden, überlangen Diensten (man freut sich ja schon, wenn man nur 17 Stunden statt früher 24-25 h am Stück arbeiten muss!), Kongressbesuchen und reichlich Frust über die bestehenden Verhältnisse in Ausbildung und Forschung, bei einem auf 2 Jahre befristeten Vertrag mit einem Gehalt von netto 2000 Euro nach Hause gehe???
Die Antwort ist: Nichts!
Es ist eine groteske Situation, wenn man von mehreren Familienvätern unter Kollegen im fortgeschrittenen Karrierestadium hört, dass zur Erhaltung eines gewissen Lebensstandards die Ehefrau arbeiten muss oder aber der Kollege zusätzlich zu den Klinikdiensten in der Freizeit am Wochenende noch Notdienste in Praxen schiebt, um die Familienkasse aufzufüllen.

Vom Jammern auf hohem Niveau kann längst keine Rede mehr sein. Das gilt auch für Ober- und Chefärzte der jüngeren Generation!

Wie soll man da nicht auf die Idee kommen, sich auch im Ausland umzusehen? Attraktive Angebote sind zahlreich, besonders für Fachärzte. Es ist fast alles besser: Bessere Personalschlüssel, geregeltere Arbeitszeiten, strukturierte Ausbildungen und nicht zuletzt die Bezahlung. Wären die meisten Kolleginnen und Kollegen nicht privat sehr verwurzelt, es gäbe einen wahren Exodus von Uniklinik-Ärzten, das ist meine feste Überzeugung.

Meine Forderungen sind deshalb die, die auch viele, viele andere Kolleginnen und Kollegen in ähnlicher Situation stellen:

Entlastung von Krankenhausärzten von nicht zwingend ärztlichen Aufgaben (Dokumentation, Schreibtätigkeiten, Blutentnahmen, etc., hier ließe sich viel aus der Schweiz und anderen Ländern lernen)
Leistungs- und Ausbildungsstand-gerechte Zahlung. Vermehrte Verantwortung und Kompetenz muss auf dem Lohnzettel erkennbar sein!
Erfassung/Dokumentation von Arbeitszeiten inklusive Forschung und Lehre und entsprechende Bezahlung oder Freizeitausgleich von Überstunden.
Maximale Wochenarbeitszeit von 50 Stunden, alles darüber >> Freizeitausgleich (Beispiel Schweiz!)
Abschaffung von wiederholten Befristungen von Arbeitsverträgen an Universitätskliniken.
Gewährleistung einer strukturierten Ausbildung von Assistenzärzten
Schaffung von Freiräumen für Forschung und Lehre
Personelle Ausstattung von Kliniken entsprechend medizinischen und nicht ökonomischen Qualitätskriterien!

Ich bekunde zugleich meine Solidarität mit den Protesten der Niedergelassenen, die sich einer immer unberechenbarer werdenden Politik ausgeliefert sehen. Auch und besonders in diesem Bereich hat die Bürokratie unerträgliche Formen angenommen.

Wie schrieb jüngst ein Kollege: "Lasst mich wieder Arzt sein! "
Dem ist nur wenig hinzuzufügen. Es könnte der wohl schönste Beruf von allen sein, wenn denn die Rahmenbedingungen stimmen würden.

Dies ist kein Streik gegen Patienten. Dies ist ein Streik für eine zukunftsfähige Medizin in Deutschland im Sinne der Patienten! Im übrigen ist geplant, Kinderkliniken soweit wie möglich von den Streikaktivitäten auszunehmen!
Ein Verwaltungsvorsitzender hat in meiner ersten Klinik mal sinngemäß gesagt: Aus einer gepreßen Zitrone kriegt man immer noch Saft. Jetzt ist genug gepreßt. Ärzte werden nicht weiter dieses marode Gesundheitssystem subventionieren!

 

mit freundlichen Grüssen

Ihr Daniel Tibussek
d a n i el . t i b u s s e k g m x . n e t

Linkempfehlungen für weiter Interessierte:

Wer gerne seine Meinung kundtun möchte: Hier bitte (Streikblog) oder hier (webmaster-mail)

Medizinergehälter im internationalen Vergleich

Sklaven in Weiss

Die betrogene Generation

Marburger Bund

kritischer Beitrag zu Prof. Lauterbach von Report Mainz (HIGHLY RECOMMENDED) weiter im Text

24-Stunden-Dienste

Wie sieht eigentlich so ein Dienst aus: Diese Beschreibung betrifft die Tätigkeit an meiner ersten klinischen Station 1998-2003. Ähnliche Beispiele gibt es in diesem Land weiterhin reichlich.
8:00 Uhr bis 17:00 Uhr "normale" Tätigkeit als Stationsarzt. Diese Arbeit reicht locker, um erschöpft zu Hause in den Sessel zu fallen. Dann aber erst Eintritt in den Notdienst, der bis zum nächsten Morgen andauert. In dieser Zeit war ich verantwortlich für 4 Kinderstationen plus Frühgeborenen-Intensivstation plus Kreissaal für den Fall von Komplikationen unter/nach der Geburt. Die durchschnittliche Schlaf- und Ruhezeit lag in Stosszeiten während der Infektwellen im Herbst und Winter bei 2-3 Stunden, oftmals, vor allem an Wochenenden auch 0 Stunden. In dieser Zeit wurden bis zu 100 Patienten gesehen und oft bis zu 10 Notaufnahmen aufgenommen. Diese Dienste galten und gelten in anderen Kliniken weiterhin als sog. Bereitschaftsdienste, d.h. die Arbeitsbelastung durfte eigentlich 49% nicht überschreiten. Die restlichen 51% mussten per Arbeitszeitgesetz Ruhezeiten sein. Die Arbeitsbelastung von 49% wurde in praktisch allen Bereitschaftsdiensten, an denen ich und meine Kollegen dieser Klinik teilnahmen, überschritten. Somit hatten wir schon vor 5 Jahren unter eindeutig illegalen Bedingungen gearbeitet haben. Daran hat sich bis heute in den Kliniken, in denen 24-Stunden-Dienste bestehen, nichts geändert. zurück zum Text

Überstunden

In vielen Kliniken sind Überstunden nicht existent. Dies gilt natürlich aber nur im Sinne der Verwaltungen! Alleine die Ärzte der Charite haben kürzlich die monatliche Zahl der unvergüteten Überstunden mit 85000 Stunden dokumentieren können. Rechnet man dies auf ein Jahr und die Kliniken der Republik um, so kommt eine gigantische Zahl von unbezahlten Überstunden zusammen, mit denen seit vielen Jahren Ärzte de facto die Krankenhäuser subventionieren! Der Marburger Bund schätzt die Zahl der unbezahlten Überstunden (exakte Angaben sind wegen fehlender Dokumentationsinstrumente in den Kliniken nicht möglich) auf 20 Millionen pro Jahr. Hätten wir Ärzte diese in den letzten Jahren konsequent dokumentiert und würden sie jetzt einklagen, so wäre morgen das Gesundheitssystem bankrott! zurück zum Text

Forschung

Damit hier keine Zweifel aufkommen. Wer an einer Uni-Klinik beginnt zu arbeiten, lebt im festen Bewusstsein und überwiegend mit dem festen Willen sich aktiv an Forschungstätigkeiten zu beteiligen. Viele Un-Ärzte haben entgegen der verbreiteten schlechten Meinung über Doktorarbeiten in der Medizin hochrangige klinische oder Labor-Forschung betrieben und planen bei Eintritt ins Berufsleben diese in bestimmten Maße fortzuführen. Allein, es fehlen sehr oft die Bedingungen, die einem erlauben vorhandene Ideen umzusetzen: Geld, Zeit, Arbeitsgruppen, die einen stimulierenden und motivierenden Austausch und eine strukturierte Anleitung und Betreuung gewährleisten. zurück zum Text